Vorwort

von Sybil Gräfin Schönfeldt

Marianne wohnte mit den Eltern und einer jüngeren Schwester zwei Häuser über dem, in dem ich bei meinen Großeltern lebte. Sie kam 1933 in meine Volksschulklasse, als wir gerade lernten, mit Stäbchen die ersten Buchstaben zu legen, die ich längst kannte, aber falsch, spiegelverkehrt legte, weil ich ein Linkshänder bin.

Die anderen Kinder lachten darüber, und ich begann zu stottern, aber ihr war es gleichgültig. Wir gingen morgens zusammen zur Schule, wir gingen mittags zusammen heim, jeder musste Mittag essen und Schularbeiten machen, dann lief ich zu ihr, und wir spielten und spielten.

Der Nachbarjunge im Haus zwischen unseren war zwei oder drei Jahre jünger, er hatte noch jüngere Geschwister, sie hatte die kleine Schwester, und wir dachten uns eine eigene Sprache aus, um unsere Welt von der der Kleinen zu unterscheiden.
Wir wussten nicht, dass es damals kaum eine nennenswerte Kinderliteratur gab, weil Autoren wie Erich Kästner und Lisa Tetzner verboten waren, und meine Großmutter gar nicht auf den Gedanken kam, dass die Märchen der Grimms und Heidi und Les Malheurs du Sophie nicht ausreichten, während ihre Mutter nie auf den Gedanken gekommen wäre, Nazi-Kinderbücher zu kaufen.

So lasen wir, was wir in den Bücherschränken der Erwachsenen fanden, Felizitas Rose, Heinrich Mann, Schillers Dramen und alle Gedichte, die wir entdeckten.

Von diesen Texten genährt dachten wir uns endlose Geschichten aus, schrieben sie auf die letzten leeren Seiten unserer Schulhefte und illustrierten sie auf unsere Weise.

Und dann kam eine Studentin aus Oxford in den Sommerwochen als Gast zu Leibholz und brachte die Bücher von A.A. Milne mit, und wir zogen in Christopher Robin’s Welt und Sprache ein, als ob es die unsere wäre. Marianne schrieb damals Gedichte, voll Eichendorffscher Waldeinsam-keit, dem Mond von Matthias Claudius über Nebelwiesen und den Sternlein unserer Kinderlieder.
Der Wald begann wirklich fast hinter unseren Häusern, und wir sahen, wie die Sonne golden und rot hinter den Hügeln am anderen Leineufer versank.

Glückliche Gedichte in makellosem Rhythmus knapper Verse, wie sie es von A.A. Milne in der englischen und von Heinrich Heine in der deutschen Sprache kannte. Heitere Gedichte von einer freundlichen Welt, denn noch behütete uns der liebe Gott.
Aber dann platzte Marianne, acht oder neun Jahre alt, in ein Gespräch zwischen ihren Eltern und Dietrich Bonhoeffer, dem Zwillingsbruder ihrer Mutter, und sie musste schwören, über das zu schweigen, was sie eben gehört hatte.

Sie hielt getreulich das Versprechen und schwieg. Aber sie stellte für ihre Puppen Pässe und deutsche Wörterbücher, Fibeln und Grammatiken her und wartete nur auf die Zeichen, die ihr sagen würden, dass es hier, in Göttingen, in „Groß-deutschland“ zu Ende ging. Das war der Riss, auch wenn sie noch nicht wusste, was auf sie wartete, was auf sie und ihre Familie und Millionen anderer wartete, die verhöhnt, erniedrigt, betrogen, bestohlen, verraten, verschleppt, verhaftet, gefoltert, vergast, gehängt, verscharrt wurden.

Sie war noch ein Kind, aber sie wusste, wer ihr vertraut war, konnte sich im nächsten Augenblick gegen sie stellen, und auch in England, dem Ziel der Flucht, deren Gefahr und Bitterkeit noch heute gern mit dem durch seine Fremdsprachlichkeit mil-dernden Wort Emigration der falsche Begriff des Freiwilligen verliehen wird, auch in England wurden sie und ihre Familie nicht überall als das erkannt, was sie waren. Das mussten sie ertragen.

Marianne kam in die englische Schule. Sie studierte in Oxford Französisch und Deutsch. Sie schrieb weiter Gedichte, nun in englischer Sprache und mit ihrem untrüglichen Gefühl für Rhythmus, mit neuen Wörtern. Krieg. Tod. Blut. D-Day: „We shall set eyes on what no one saw…“

Und „die alten Träume vom Sternenlicht“? Erloschen, vorüber. Später wusste sie, was in Deutschland geschehen war. Sie und ihre Familie zogen dennoch nach Deutschland zurück. Es gab Großeltern in Berlin. Der Vater war berufen worden, das Bundesverfassungsgericht der gerade entstandenen deutschen Bundesrepublik mitzubegründen. Marianne schrieb ihre Gedichte wieder auf Deutsch, manche aber immer noch in der anderen Sprache, die im Exil ihre geworden war. Sie lebte nun in beiden Sprachen, sie übersetzte deutsche Lyrik ins Englische. Sie schrieb die englischen Texte für deutsche Lehrbücher. Sie schrieb aus England Texte für deutsche Zeitungen.

Sie hat in dieser Zeit nach dem Krieg nicht viele Gedichte geschrieben. Die Zeit der begeisterten Adjektive und des frag-losen Vertrauens in Gott und die Menschen war vorbei. Sie war streng mit sich selbst und vergeudete das Gedicht nicht an Alltägliches. Sie fand Bilder von schmerzhafter Schönheit. Sie klagte nie. Aber sie nannte die Verluste. Sie sah sich in vielen Spiegeln und sie fragte sich: Wer bin ich?

In einem Gedicht aus dem Jahr 1952, „Exil“, heißt es: „Er steht draußen, schaut und sieht.“